Beitrag Ö1 "Zwischenruf"

"Die Schrift ist nur die Form". Marco Uschmann, evangelischer Theologe und Herausgeber der Zeitschrift "Die Saat" erzählt über einen besonderen Zugang zu den Worten der Bibel. - Gestaltung: Martin Gross

 

Das Schöne an meinem Beruf als Pfarrer und Journalist ist, dass ich sehr vielen interessanten Menschen begegne. Letzte Woche nun hatte ich mit einem Mann zu tun, der mit seiner Werbeagentur viele große und beeindruckende Aufträge hat.

Dazu braucht es viel Kreativität. Und dazu braucht es auch viel Organisation, Termintreue, Kalkulation und so weiter. Denn da geht es um viel Geld und Fehler kann sich der gute Mann so gut wie nicht erlauben. Alles in allem eine spannende Aufgabe, allerdings mit viel Stress verbunden. Da ist so mancher Arbeitstag ziemlich hoch getaktet.

Nun hat dieser Zeitgenosse eine spannende Möglichkeit gefunden, damit umzugehen und diesen Stress abzubauen. Denn im Grunde seines Herzens ist er ja ein Künstler - so hat er die Kalligraphie entdeckt. Sie wissen schon, mit Feder und Tusche Sätze, Worte und Verse aufschreiben. Und nun ist auf einmal alles anders: Denn jetzt zählt Langsamkeit. Jeder einzelne Buchstabe hat seinen Charakter und seine eigenen Linien. Wo der Arbeitsplatz in der Agentur dominiert ist von Technik, von Computern, Scannern und dem Internet, geht es jetzt um Tusche, Feder und Papier. Oder manchmal auch Holz, je nachdem, worauf er seine Buchstaben schreibt - ja fast schon "malt".

Das kann schon etwas Meditatives haben, sagt er, wenn man über längere Zeit diese Buchstaben und Worte schreibt. Denn es sind nicht einfach nur Texte, die da zu Papier gebracht werden. Der Kalligraph wählt Verse aus der Bibel - manchmal ist es die Jahreslosung, also der Bibelvers, der Protestanten durch das Jahr begleitet. Manchmal sind es Bibelworte, die ihm einfach wichtig sind. Das langsame Schreiben verändere seinen Zugang zur Bibel, sagt er. Es sei eine sehr viel intensivere Auseinandersetzung mit den Worten und damit auch mit dem Inhalt der Bibel.

Im letzten Jahr hat er sich das "Book of Kells" in Irland angesehen. Wohl um das Jahr 800 wurde diese Bibel im Kloster Iona vor der schottischen Westküste hergestellt. Zur Zeit der Wikingerüberfälle zwischen 800 und 1000 brachte man das Buch aus Sicherheitsgründen nach Irland. Nach einer langen bewegten Geschichte kann es nun im Trinity College in Dublin besichtigt werden. Das "Book of Kells" ist eine prächtig gestaltete Bibel mit ganzseitigen Abbildungen und aufwändigem Schriftbild. Die Mönche haben ihre ganze Fertigkeit und Kunst in das Buch gelegt.

Ohne Übertreibung kann man sagen, dass das "Book of Kells" zu den berühmtesten und großartigsten Werken der Weltgeschichte gehört. Mit großer Liebe, Sorgfalt und sehr langsam haben die Mönche vor über 1200 Jahren diese Bibel geschrieben und gemalt. Es ist diese langsame, meditative Herangehensweise, die mich so fasziniert. Es wird ein bisschen so sein, als ob man aus der Zeit fällt, wenn man sich hinsetzt und zu Tusche, Pinsel und Feder greift. Dann liegt da ausgedruckt der Bibelvers vor einem auf dem Schreibtisch und nun bekommen die Buchstaben eigene Gestalt.

Aber es geht dabei nicht nur um einen selbst und die eigene Meditation. Die kalligraphierten Bibelverse sind ja gedacht für andere Menschen, die auf diese Weise einen Zugang finden können zur Bibel und zu Gott. Im Grunde ist das so wie bei den Mönchen und ihrem "Book of Kells": Die Botschaft ist gedacht für die Menschen. Die Schrift ist nur die Form. Aber eine sehr schöne, die helfen kann, in hochtechnisierten Abläufen eine Oase zu finden, in der einen Gottes Wort berühren kann.

Gestaltung: Martin Gross

Tags: Kalligrafie, PR

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